Das Clean-Core-Prinzip von SAP ist einfach formuliert: Der Kern des ERP-Systems soll frei von kundenspezifischen Modifikationen bleiben, um Upgradefähigkeit und Cloud-Readiness zu gewährleisten. In der Praxis stellt sich jedoch schnell die Frage: Was genau gehört zum Kern – und was darf oder muss außerhalb implementiert werden?
Im Kontext von SAP IPD gewinnt diese Frage besondere Relevanz, weil die integrierte Produktentwicklung an der Schnittstelle von Produktdaten, Engineering und ERP operiert – einem Bereich, der in vielen Unternehmen historisch stark kundenspezifisch angepasst wurde.
Das Clean-Core-Modell im Überblick
SAPs Clean-Core-Ansatz unterscheidet drei Zonen:
- Core: SAP-Standardfunktionalität ohne Modifikationen. Updates und Upgrades können problemlos eingespielt werden.
- Side-by-Side Extensions: Anwendungen auf der SAP BTP, die über APIs mit dem Core kommunizieren. Sie sind unabhängig vom Core-Lebenszyklus.
- On-Stack Extensions: Erweiterungen innerhalb des SAP-Systems über freigegebene Erweiterungspunkte (RAP, Key User Extensibility). Sie folgen dem Core-Lebenszyklus, sind aber upgradefähig.
Entscheidungskriterien für IPD-Erweiterungen
Für jede Anforderung, die über den SAP-Standard hinausgeht, stellt sich die Frage: Wo implementieren wir das? Die Entscheidung hängt von mehreren Faktoren ab:
Im Standard bleiben
Funktionen sollten im Standard bleiben, wenn sie:
- Von SAP-Standard-Prozessen abgedeckt werden (auch wenn die Konfiguration aufwändig ist)
- Kern-Geschäftslogik betreffen (Stücklisten, Materialstamm, Änderungsverwaltung)
- Transaktionale Konsistenz erfordern (ACID-Transaktionen innerhalb des ERP)
- Auf SAP-Standarddatenmodelle zugreifen müssen
Faustregel: Alles, was direkt mit der Integrität von Stamm- und Bewegungsdaten zu tun hat, gehört in den Standard.
On-Stack Extension (RAP / Key User)
On-Stack-Erweiterungen eignen sich für:
- Zusätzliche Felder auf bestehenden Objekten (Custom Fields)
- Einfache Validierungen und Berechnungen
- Anpassung von Fiori-Oberflächen für spezifische Benutzergruppen
- Leichtgewichtige Automatisierungen innerhalb des SAP-Kerns
Side-by-Side Extension (BTP)
BTP-Erweiterungen sind die richtige Wahl für:
- Komplexe Workflows, die über den SAP-Standard hinausgehen
- Integration mit Drittsystemen (CAD, Simulation, externe Produktdaten- und Engineering-Systeme)
- Datenanalysen und Dashboards auf Basis aggregierter Daten
- KI/ML-basierte Funktionen (z. B. vorausschauende Qualitätsanalyse, automatische Klassifizierung)
- Kollaborationstools für bereichsübergreifende Teams
Praxisbeispiele aus IPD-Projekten
Beispiel 1: Automatische Stücklisten-Validierung
Ein Kunde wünschte eine automatische Validierung von Engineering-Stücklisten gegen Fertigungsregeln (z. B. maximale Verschachtelungstiefe, verbotene Materialkombinationen). Die Validierungslogik ist komplex und ändert sich häufig.
Entscheidung: BTP Side-by-Side Extension. Die Validierung wird als eigenständiger Service implementiert, der über eine API von SAP IPD aufgerufen wird. So kann die Logik unabhängig vom ERP-Core weiterentwickelt werden.
Beispiel 2: Erweitertes Änderungsformular
Ein weiterer Kunde benötigte zusätzliche Felder und eine angepasste Oberfläche für den Engineering Change Request.
Entscheidung: On-Stack Extension via Key User Extensibility. Die zusätzlichen Felder werden über Custom Fields realisiert, die Oberfläche über eine angepasste Fiori-App. Beides bleibt upgradefähig.
Die typischen Fehler
- Zu viele Anforderungen im Core umsetzen: Komplexe Eigenentwicklungen im Core machen Updates teuer und riskant.
- Zu viel auf die BTP auslagern: Nicht jede Anforderung rechtfertigt einen eigenen Cloud-Service. Der Betriebsaufwand wird oft unterschätzt.
- Keine klare Governance: Ohne Architektur-Review-Board entscheidet jedes Teilprojekt eigenständig – das Ergebnis ist eine fragmentierte Landschaft.
Fazit
Clean Core ist kein Dogma, sondern ein Architekturprinzip, das die langfristige Wartbarkeit und Evolutionsfähigkeit der SAP-Landschaft sicherstellt. Im IPD-Kontext erfordert die Anwendung dieses Prinzips eine sorgfältige Analyse jeder Anforderung.
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