Stücklisten (Bills of Materials, BOMs) sind das zentrale Rückgrat der Produktentwicklung und Fertigung. Sie definieren, aus welchen Komponenten ein Produkt besteht, in welcher Menge und in welcher Struktur. Doch was in der Theorie einfach klingt, wird in der Praxis schnell komplex.
Das grundlegende Problem: Engineering und Fertigung denken in unterschiedlichen Strukturen. Ein Ingenieur gliedert ein Produkt nach funktionalen Baugruppen – ein Fertigungsplaner nach Montageschritten und Beschaffungslogik. Beide Sichten sind berechtigt, aber sie erzeugen unterschiedliche Stücklisten.
Engineering-BOM vs. Manufacturing-BOM
Die Unterschiede zwischen E-BOM und M-BOM sind vielfältig:
- Strukturtiefe: E-BOMs sind oft tiefer verschachtelt (funktionale Baugruppen), M-BOMs flacher (Montagereihenfolge)
- Phantom-Baugruppen: Im Engineering existieren logische Gruppen, die in der Fertigung keine physische Entsprechung haben
- Alternativmaterialien: Die Fertigung benötigt Ersatz- und Alternativmaterialien, die im Engineering nicht vorgesehen sind
- Verpackung & Hilfsmittel: M-BOMs enthalten Verpackungsmaterial und Fertigungshilfsmittel, die in E-BOMs fehlen
- Variantenhandling: Konfigurierbare Produkte erzeugen im Engineering generische Strukturen, die für die Fertigung aufgelöst werden müssen
Der Strukturabgleich in SAP IPD
SAP IPD kann einen systematischen Ansatz für den BOM-Abgleich unterstützen:
Mapping-Regeln definieren
Im ersten Schritt werden Transformationsregeln definiert, die festlegen, wie Engineering-Strukturen in Fertigungsstrukturen überführt werden. Diese Regeln umfassen:
- Welche E-BOM-Ebenen in der M-BOM zusammengefasst oder aufgelöst werden
- Wie Phantom-Baugruppen behandelt werden (auflösen, beibehalten, als Fertigungshilfsmittel)
- Welche Zusatzpositionen in der M-BOM automatisch ergänzt werden (Verpackung, Prüfmaterial)
- Wie Varianten aufgelöst und konfigurationsabhängige Positionen gesteuert werden
Automatischer Abgleich
Auf Basis der Mapping-Regeln führt SAP IPD einen automatischen Strukturabgleich durch. Das System vergleicht E-BOM und M-BOM, identifiziert Abweichungen und schlägt Aktualisierungen vor. Änderungen können einzeln geprüft und freigegeben werden.
Delta-Management
Besonders wertvoll ist das Delta-Management bei Änderungen. Wenn eine Komponente im Engineering geändert wird, kann SAP IPD sichtbar machen, welche Fertigungsstücklisten betroffen sind und welche Anpassungen nötig werden. Das verhindert, dass Änderungen in der Fertigung übersehen werden.
Best Practices für den Strukturabgleich
- Definieren Sie frühzeitig gemeinsame Namenskonventionen und Nummernsysteme
- Etablieren Sie einen regelmäßigen Abgleichzyklus (nicht nur bei Neuanläufen)
- Dokumentieren Sie Mapping-Ausnahmen und überprüfen Sie sie regelmäßig
- Schulen Sie beide Seiten – Engineering und Fertigung – im Umgang mit dem System
- Beginnen Sie mit einem Pilotprodukt, bevor Sie den Abgleich auf das gesamte Portfolio ausrollen
Der organisatorische Aspekt
Technik allein löst das Strukturproblem nicht. Der Abgleich funktioniert nur, wenn Engineering und Fertigung ein gemeinsames Verständnis der Datenverantwortlichkeiten haben. Welches System ist für welche Attribute führend? Wann wird welche Änderung an wen propagiert? Diese Fragen müssen organisatorisch geklärt werden.
In unseren Projekten stellen wir immer wieder fest: Die technische Konfiguration des Abgleichs dauert Wochen – die Abstimmung der Prozesse zwischen den Abteilungen dauert Monate. Planen Sie entsprechend.
Fazit
Ein funktionierender BOM-Abgleich ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine durchgängige Produktentwicklung. SAP IPD kann die technischen Werkzeuge bereitstellen – aber der Erfolg steht und fällt mit der organisatorischen Verankerung und der Qualität der Mapping-Regeln.
